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Säkularisierung und Religion

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) lieferte in seinem Gastvortrag anläßlich des Studientages zur Semestereröffnung am Theologischen Seminar eine Verhältnisbestimmung zweier gesellschaftlicher Entwicklungen.

Der christlichen Verkündigung in Deutschland und Westeuropa steht zunehmend eine Öffentlichkeit ohne Vorkenntnisse in Sachen Christentum gegenüber. Nicht nur die Großkirchen als historisch etablierte religiöse "Marktführer" tun sich schwer mit der Säkularisierung, sondern auch die Freikirchen müssen bilanzieren, dass sie von der Entmonopolisierung und Pluralisierung sinnstiftender Angebote nicht unbedingt profitieren. Obwohl die "Wiederkehr der Götter" und die "Allgegenwart des Religiösen" nach wie vor zu den Lieblingsthemen der Feuilletons gehören, ist die historische Stetigkeit, mit der die überlieferten religiösen Systeme in den westeuropäischen Gesellschaften an Relevanz verlieren, nicht zu leugnen. Hauptverlierer ist der Protestantismus, der seinen  Schwerpunkt längst auf anderen Kontinenten hat als in seinen europäischen Ursprungsregionen. Andererseits zeigt der vergleichende Blick nach Osteuropa, Asien und Nordamerika, dass  Säkularisierung in erster Linie ein Phänomen der westeuropäischen Gesellschaften ist.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans beim Studientag am Theologischen Seminar © Theologisches Seminar Elstal (Fachhochschule)Prof. Dr. Hans-Peter Großhans beim Studientag am Theologischen Seminar

Hans-Peter Großhans, Professor für Systematische Theologie und Direktor des Instituts für Ökumenische Theologie an der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Münster, nahm bei  seinem Gastvortrag zur Eröffnung des Sommersemesters am 7. April 2010 am Theologischen Seminar das Thema Säkularisierung und Religion analytisch in den Blick. Ausgehend von den  verschiedenen Ansätzen zur Beschreibung der Funktion von Religion in der Gegenwart stellte er alternative Erklärungsmodelle vor: Während aus europäischer Perspektive eine  Säkularisierungstheorie nahelag, die den Relevanzverlust von Religion als irreversiblen Modernisierungsprozess deutete, herrscht in den USA das dynamische Modell eines von Angebot, Nachfrage und Konkurrenz bestimmten religiösen Marktes vor. Ein drittes Modell ist die Individualisierungstheorie, die in der abnehmenden Bindung an überlieferte Gemeinschaften und Systeme nicht ein Schwinden, sondern einen Funktionswandel des Religiösen wahrnimmt. In seinen Überlegungen, welche Ansätze die evangelischen Theologie für einen konstruktiven Umgang mit der Säkularisierung und mit dem Funktionswandel von Religion bietet,  wies Großhans unter anderem auf Roger Williams (1603-1683) hin, den Gründer der ersten Baptistengemeinde in Amerika. Williams habe dazu beigetragen, daß die Bejahung von Religionsfreiheit und  religiöser Pluralisierung einen Platz in der theologischen Tradition des Protestantismus gefunden habe. Großhans plädierte im Anschluß an Friedrich Gogarten für eine Bejahung der Säkularität der Welt,  von der ein ideologischer Säkularismus zu unterscheiden sei. Dem Vortrag schlossen sich zwei Diskussionsrunden an, in denen Großhans auch über seine frühere Tätigkeit als Studiensekretär des  Lutherischen Weltbundes berichtete.

Prof. Dr. Martin Rothkegel


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